Ein sorgfältig kuratierter Führer

Berlin, in drei Teilen Gin, Wermut, Campari.

Elf Adressen von Kreuzberg bis Mitte, an denen der Negroni — und das italienische Aperitivo-Ritual — mit dem Ernst behandelt werden, den Berlins Bar-Renaissance verdient.

Die Molecule Men in der Spree
Die Molecule Men in der Spree — dort, wo Kreuzberg, Treptow und Friedrichshain sich treffen.

Berlin, eine Stadt mit Durst

Eine Bier- und Späti-Stadt, die das Handwerk wiederentdeckt.

Berlin trinkt Bier, und am Späti die Club-Mate. Das ist die örtliche Selbstverständlichkeit. Aber Berlin hat auch eine eigene, ältere Geschichte des Bitteren: 1894 erfand der Likörfabrikant Carl Mampe sein Halb & Halb — einen bitter-orangen Kräuterlikör, der dem italienischen Amaro näher steht, als die meisten ahnen. Und im West-Berlin der 1970er hielt eine kleine Kaste von Barkeepern in unscheinbaren Lokalen das Handwerk am Leben. Aus dieser doppelten Wurzel ist eine Renaissance gewachsen.

Heute trägt sie von Charlottenburg bis Neukölln. Buck and Breck brachte Berlin 2010 auf die Karte der Welt; in Kreuzberg und Neukölln zogen Schwarze Traube und Velvet nach. In den Bars, die folgen, mündet das Ritual in einen Negroni, der so serviert wird, wie er gehört: zu gleichen Teilen, ein großer Eiswürfel, eine ausgedrückte Zeste. Elf Adressen. Alle geprüft. Keine zufällig.

Die Auswahl

Elf Adressen, die den Umweg lohnen.

Berlin ist eine Bier- und Späti-Stadt; die ernsthaften Cocktailbars sind eine kleine, glänzende Minderheit. Diese elf machen einen Negroni, den du wiedererkennst — und in zwei, drei Fällen einen, den du nicht vergisst.

Geografie des Durstes

Wo man trinkt, und warum.

Vier Ecken Berlins tragen das meiste Gewicht. Jede hat ihr eigenes Tempo — und ihre eigene Geschichte mit dem Glas.

Mitte Zentrum

Vom Rosenthaler Platz bis zum Bahnhof Friedrichstraße, im wiedervereinigten Herzen der Stadt: das Mailänder Aperitivo der Bar Milano, die verborgene Tür von Buck and Breck, die Stahltür von Tausend unter den Bahnbögen, das Cookies-Erbe bei Crackers und Windhorsts Jazz-Salon an der Dorotheenstraße. Hier beginnt der Abend.

Kreuzberg & Neukölln SO 36

Das Kraftzentrum der neuen Szene. Im Wrangelkiez baut die Schwarze Traube ohne Karte; in Neukölln destilliert und fermentiert Velvet, was es in Brandenburg gesammelt hat. Spät, ungezwungen, ernst beim Handwerk.

Schöneberg & Tiergarten West

Das alte West-Berlin und seine Klassiker-Tradition. Die grüne Tür in der Winterfeldtstraße, der Saloon Stagger Lee, und über dem Café Einstein die Spirituosenbibliothek des Lebensstern.

Prenzlauer Berg Nord

Der ruhige Osten. Hinter Samuel Becketts Porträt in der Pappelallee liegt Becketts Kopf — zwei stille Zimmer, klassische Cocktails aus eigenen Destillaten. Für den späten, erwachsenen Drink.

Eine Karte für die Nacht

Elf Bars, eine Stadt.

Von Mitte bis Neukölln — keine dieser Bars liegt mehr als ein paar U-Bahn-Stationen von der nächsten entfernt. Macht einen Abend daraus.

Drei Lesarten desselben Glases

Der Negroni, auf Berliner Art.

Einen offiziellen „Berliner Negroni“ gibt es nicht. Aber die Zutaten für einen, der ganz aus Berlin stammt, liegen bereit — seit 1894, als Mampe sein Halb & Halb erfand.

Der Vorschlag des Hauses

Der Berliner Negroni

Selbst zu bauen — oder höflich bei einem der Barkeeper dieser Liste zu erfragen.

  • 30 ml Berliner Brandstifter Dry Gin (Wilmersdorf, seit 2009 — Holunder, Gurke, Malvenblüte, Waldmeister)
  • 30 ml Mampe Halb & Halb — Berlins eigener Bitterlikör (Bergmannkiez, Kreuzberg, seit 1894)
  • 30 ml roter Wermut
  • · gerührt auf einem großen Eiswürfel; Orangenzeste ausgedrückt, hineingelegt

Der klassische Negroni nimmt Campari. Berlin hat seine eigene bittere Orange: Mampe Halb & Halb, seit 1894 hier gebraut, heute im Bergmannkiez in Kreuzberg. Setzt man dazu Berliner Brandstifter als Wacholder-Basis, hält man einen Negroni in der Hand, der von der ersten bis zur letzten Zutat berlinerisch ist — herber, kräutriger, mit der Orange weiter vorn. (David Bowie drehte 1978 für Schöner Gigolo in einer riesigen Mampe-Flasche — so tief sitzt der Likör in der Stadt.) Kein Hausrezept einer Bar, sondern ein Vorschlag: probiert ihn aus.

Der Klassiker

Jede Adresse dieser Liste, höflich bestellt.

  • 30 ml London Dry Gin
  • 30 ml roter Wermut
  • 30 ml Campari
  • · gerührt, großer Eiswürfel, Orangenzeste

Gleiche Teile. Immer. Das 1:1:1 ist der Vertrag; bricht ihn ein Barkeeper ungefragt, geh höflich. Keine dieser elf Bars tut das.

Der Buttermilch-Negroni — Green Door

Green Door · Winterfeldtstraße 50 · eine dokumentierte Variation

  • · Gin, roter Wermut, italienischer Bitter
  • · mit Buttermilch geklärt (milk-washing)
  • · seidig, klar, die Bitterkeit gerundet

Auf der Karte des Green Door tauchte ein mit Buttermilch geklärter Negroni auf (50 Best Discovery, Sommer 2021). Die Milch bindet die Bitterstoffe und wird abfiltriert: zurück bleibt ein glasklarer, seidiger Negroni, dessen Schärfe gerundet ist. Berliner Klassik-Bar trifft moderne Technik.

Von Turin nach Berlin, über Kreuzberg

Eine kurze, parteiische Geschichte.

1894

Berlin bekommt seinen eigenen Bitter. Carl Mampe — sein Haus seit 1831, in Berlin produzierend seit 1877 — erfindet das Halb & Halb: bittere Orange und Kräuter, halb süß, halb herb. 1904 holt es auf der Weltausstellung einen Grand Prix. Berlins Amaro ist älter als der Negroni selbst.

1919

Florenz, Caffè Casoni. Graf Camillo Negroni, zurück von seinen Cowboy-Jahren im amerikanischen Westen, bittet den Barmann Fosco Scarselli, seinen Americano zu verschärfen — Gin statt Soda. Das Rezept wandert über den Tresen. Das Glas trägt fortan den Namen des Grafen.

Heute

1976 öffnet der Rum Trader in Charlottenburg — der Inbegriff der West-Berliner Klassiker-Bar. 1995 folgt das Green Door, 2001 die Victoria Bar. 2010 bringt Buck and Breck Berlin auf die World’s 50 Best (Platz 16, 2015); 2012 die Schwarze Traube in Kreuzberg, 2017 Velvet in Neukölln. Die Stadt hat ihren eigenen Negroni — jetzt.